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 Die Krone als Wirtshausmuseum

   
„Für mich ein wahrhaft himmlischer Ort!"
(Dr. Hans Viardot)

 

Wie kam es zum Erhalt dieser einmaligen, historischen Dorfwirtschaft? In einem Grundsatzschreiben „Erinnerungen und Überlegungen zum ,Gasthaus zur Krone' in Tegernau" vom 10. März 1997 haben sich „Krone"-Freunde" für dieses Museumsprojekt stark gemacht, seit 16. Mai 1998 das zuletzt leerstehende, seit 1735 existierende Dorfgasthaus mit riesigem Gewölbekeller, historischem Fest-, Tanz- und Theatersaal und altem „Schisshüsli" mit Pissoir und Plumpsklos nach dem Motto „Ein Ort, an dem Kulturdenkmale verfallen, ist wie ein Mensch, der sein Gedächtnis verliert" vor dem Verfall gerettet und zu einem „belebten" Wirtshausmuseum umgestaltet.

Am 13. Juni 2008 wurde das Wirtshausmuseum „Krone" in Tegernau offiziell und unter der Schirmherrschaft von Landrat Walter Schneider mit dem Musikverein Tegernau, mit „D'Els un d'Erna" und dem Duo „Spootschicht" stimmungsvoll eröffnet. Bewundert wurde das „kolossale Engagement einer Bürgerbewegung" mit über 30 000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden in diesen ersten zehn Jahren. Danach wurden die Stunden nicht mehr gezählt. Gearbeitet wurde jeden Samstag bei einem freiwilligen „Z'Nüni" der ehemaligen Metzgerei Imm. Die Tegernauer „Krone" ist somit ein einmaliges Gemeinschaftswerk von Helferinnen und Helfern aus der ganzen Region, etwas, was heute in dieser Art wahrscheinlich nicht mehr machbar wäre. „Ein Juwel der Gasthauskultur" war in der Presse zu lesen.

Mit Freitagabendhocks, den sonntäglichen „Krone"-Frühschoppen und vielen Veranstaltungen unterschiedlichster Art sollte und soll unsere vergangene Gasthaus- und Stammtischkultur für die Nachwelt bewahrt werden. Diese für einen ländlichen Raum sicherlich ungewöhnlichen Veranstaltungen sind zu einem „Markenzeichen" in der Regio und die Tegernauer „Krone" mit ihrem außergewöhnlichen Charme zu einem „Kult"-Lokal geworden.


                                                              
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Eine Dorfansicht von Tegernau um 1890, die noch als Original in der wie vor hundert Jahren aussehenden Gaststube hängt.
Links steht die am 19. Dezember 1114 durch Priester Kuno erstmals urkundlich erwähnte, aber schon zuvor bestehende und
durch Markgraf Karl Friedrich 1756/57 erweiterte und erneuerte Laurentiuskirche mit noch kleiner Linde und ehemaligem
alten Friedhof. Über dem Pfeil die Krone mit der Gartenwirtschaft.

Ein besonderes Schmuckstück ist der am 07. September 2002 neu installierte Gasthaus-Ausleger. 1735 sicherlich von einem heimischen Dorfschmied in meisterlicher Schmiedekunst angefertigt und danach vielfarbig angestrichen, rostete dieser „Krone"-Ausleger zuletzt jahrzehntelang vor sich hin. 2002 wurde er von dem Rheinfelder Schmied Horst Richardt detailgenau rekonstruiert und von der Goldlegerin Andrea Weis aus Schopfheim farblich und mit 36,5 Gramm echtem Blattgold in doppelter Schicht verziert. In der Farbgebung wurde bewusst von der Vielfarbigkeit solcher Wirtshausausleger abgegangen und die Blume nicht wie sonst üblich rot, sondern hellblau gestaltet. Diese hellblaue Farbe ist eine durchgehende Farbe in der Tegernauer „Krone" vom blauen Kachelofen im Nebenzimmer über die blaue „Kunscht" im „Berta"-Zimmer", dem blauen Walzenofen im Saal bis zu frühen blauen Wandmalereien und blauen Deckenfresken. Welchen Symbolgehalt hat wohl die Farbe „Blau" in der Tegernauer „Krone"?

Bedeutsam ist auch die original erhaltene gotische Anschrift Gasthaus zur Krone, wobei in den Buchstaben G ein christliches Kreuz gemalt ist. Dieses Kreuz im G und das Kreuz auf dem Reichsapfel des Kronenauslegers symbolisieren, dass Kirche und Gasthaus, ecclesia et taberna, früher „Geschwister" waren. Nach der alten Lebensregel „bete und arbeite", „ora et labora", waren der sonntägliche Besuch der Kirche für den Segen von Familie, Haus, Feld und Stall sowie der anschließende Besuch der Gastwirtschaften zur Begegnung, Kommunikation und Geselligkeit mit den oft weit entfernt im Tal wohnenden Verwandten und Freunden obligat.

Das dörfliche Leben spielte sich früher überwiegend in den Dorfwirtschaften ab. Das klassische Dorfgasthaus war Mittelpunkt des Dorfgeschehens. Die Gaststube war den Männern vorbehalten. Die dörfliche soziale Hierarchie setzte sich in eigenen, blankgescheuerten Tischen für die größeren und mittleren Bauern, die Handwerker, die „Häusler", Taglöhner und „Fabrikler" und die ledigen „Burschen" und Knechte fort. Entsprechend gab es einen besseren Wein und einen „Ordinari". Der Schoppen war das Bindemittel zwischen den Ständen.

In diesen Wirtsstuben fanden Gerichtsverhandlungen, öffentliche Gemeindeversammlungen, Ratssitzungen, Versteigerungen, Familien- und Vereinsfeste statt. Am Stammtisch wurden Viehhandel, Holzhandel und andere Geschäftsabschlüsse getätigt. Der Wirt war oft Geldausleiher mit öffentlichem Anschreiben auf dem schwarzen Brett. Sonntags nach dem Kirchgang wurde rund um den Stammtisch einfach gegessen, Schoppen getrunken, geraucht, Karten und Würfel gespielt, „diskuriert", gemeinsam Volkslieder und zur späten Stunde „Lumpeliedli" gesungen, musiziert und Witze und Geschichten erzählt. Übrigens war das Rauchen früher etwas Besonderes und bedeutete modernes Lebensgefühl. Abends ist es in den Wirtshäusern nach dem noch in der „Krone" hängenden Spruch „Es gibt kein Bier im Himmelreich, drum trinken wir's auf Erden gleich" oft hoch hergegangen, was auch ein alter Schwarzwälder Spruch „I wollt, i hätt im Wirtshus gly my Bett" ausdrückt.

Und mittendrin der Dorfwirt, immer bestens informiert, neugierig und dennoch meist verschwiegen und zur besseren Übersicht und Begrüßung meistens überhöht gegenüber der Eingangstür sitzend. Oft mittendrin noch der Dorfschullehrer, an einem Lesepult die Badischen Amtsblätter, neuesten Nachrichten, Erbauungsbücher oder illustrierte Reiseberichte aus der damals noch unbekannten weiten Welt vorlesend. Daraus entwickelten sich später die Lesevereine in Tegernau und heute noch in Schwand-Demberg.

Die Tegernauer „Krone" ist nach der Beurteilung des Landesdenkmalamtes Freiburg ein „Baudenkmal besonderer Art",
das unter dem Motto „Man muss die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten"
Brauchtum, Kultur, Tradition, Heimatgeschichte und Identifikation vermittelt.
Unter großem ehrenamtlichen Aufwand ist dieses historisch und kulturgeschichtlich wertvolle Dorfgasthaus für die Nachwelt
erhalten geblieben und mit vielfältigem Leben und hoher Kultur „rund um den Stammtisch" erfüllt worden.

 

Die Krone als Wirtshausmuseum:

Außenbereich: Gartenwirtschaft, Details der Vorderseite und die ehemalige Toilette

Erdgeschoss: die Gaststube und das "Herrenzimmer"

Obergeschoss: Der "blaue"Saal und die Stube der Luis'

Einsichten in historische Baudetails der Wände und Fußböden

 

 

Original-Text und Fotos von H. Viardot veröffentlicht in "Das Markgräflerland", Band 2014

 Dr. Hans Viardot war von 1973 bis 2005 Landarzt und Notarzt im Kleinen Wiesental,
vielfältig für Kunst, Kultur und Hospiz im ländlichen Raum tätig und ein „Krone"-Aktivist der ersten Stunde.

 

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