zurück

 

Die Geschichte der Krone

   
Das „Gasthaus zur Krone" in Tegernau

 

„Eure Durchlaucht möge mir die untertänigste Bitte um Erteilung der Schildgerechtigkeit „zur Cronen"
für mein mitten in Tegernau gelegenes Haus zur besseren Betriebsführung gewähren"

In diesem Stil richtete am 10. Dezember 1734 der Untertan und Bauer Hartmann Hug von Tegernau sein devotes Schreiben über den Freiherrn von Leutram, Landvogt von Rötteln mit Sitz in Lörrach, an den Markgrafen Karl Wilhelm III. in Karlsruhe. Dort hatte der Markgraf im Jahre 1715 seine neu gebaute Schlossanlage im Hardt bezogen und gleichzeitig die Stadt Karlsruhe gegründet.

Mit Datum vom 3. Februar 1735 konnte Hartmann Hug die erwünschte Urkunde zur Real-Taverngerechtigkeit gegen Bezahlung einer damals hohen Taxe von 35 Gulden in seinen Händen halten. Mit diesem Real-Tavernenrecht war ein privilegiertes dingliches Recht gegründet, d.h. die Real-Schildgerechtigkeit lag somit für alle Zeiten auf dem vorgesehenen Anwesen. Es war nicht personengebunden, sondern sämtliche Nachfolger, ob in Erbfolge oder durch Kauf / Pachtung, konnten mit dem Realrecht auf dem Haus wirten. Es beinhaltete den Ausschank sämtlicher Getränke, das Verabreichen von Speisen jeglicher Art sowie das Beherbergen von Fremden und Durchreisenden.

Mit diesem Recht waren für jedes Real-Gasthaus auch verschiedene Bedingungen verbunden. So musste der Wirt zwei Gasträume; eines für jeden einkehrenden Gast und ein zweites, meist vornehmeres, für seine fremden Gäste bereithalten. Auch hatte der Wirt mindestens zwei Sorten Wein; einen gewöhnlichen und einen sogenannten Edelwein / Ehrenwein in Fässern einzulagern, um den Fremden einen besseren Wein kredenzen zu können. Ebenso mussten für die mitgeführten Zugtiere, in der Regel Pferde oder Mulis, sowie für die Fuhrwerke der Durchreisenden ausreichende Unterstellmöglichkeiten bereitgestellt werden. Jeder Gastwirt mit Real-Recht musste außerdem an seinem Haus ein Schild mit einem von ihm gewählten Symbol / Wahrzeichen auslegen, damit jeder ankommende bzw. durchreisende Gast wusste, dass es sich hier um ein ordentlich geführtes Gastgeberhaus mit Übernachtungsmöglichkeiten handelt.


Foto: Kathrin Blum

Der Gasthof „zur Krone" in Tegernau bestand nach Aktenmaterial und alten Fotografien bis zum Jahre 1905 aus insgesamt 3 verschiedenen Gebäuden, und zwar aus dem Gasthaus als solchem sowie zwei direkt über der Hauptstraße mit der Traufseite zur Straße liegenden Scheunen. Die große Scheune hatte genügend Stellräume für die Equipagen und Ställe für die Zugtiere. Ebenfalls waren dort ebenerdig ein Knechtzimmer und im 1. OG einige Fremdenzimmer, Bügelzimmer und Magazine sowie weitere Gesindezimmer vorhanden. In der kleinen Scheuer bzw. Remise (heute Anwesen Imm) waren ebenerdig der Schlachtraum, die Backstube und eine Waschküche eingerichtet. Zwischen 1850 bis etwa 1900 wurde in dieser Remise eine kleinere Brauerei zum Eigenbedarf betrieben. Zu dieser Braustätte gehörte auch ein Eiskeller. Über der Remise hatte man im 1. OG Heu gelagert. Links der großen Scheuer befand sich von etwa 1850 bis 1906 eine teils gedeckte Kegelbahn. Das Kegelschieben war im 19. Jahrhundert an Sonntagnachmittagen ein sehr beliebtes Freizeit- und Spielvergnügen der Männergesellschaft. Die Kegelbahn musste im Jahre 1906 dem heutigen Wohnhaus Wagner weichen, das damals von dem letzten Kronenwirt Friedrich Hug und seiner Frau Anna erbaut wurde und als Alterssitz dienen sollte.

Im Gasthaus selbst waren im erhöhten Grundgeschoss die beiden Gaststuben. Darunter lag der Keller, der in zwei Hälften unterteilt war. Neben den Gaststuben befanden sich zur Bergseite ein weiteres Zimmer (Magazin) und danach der Treppenaufgang zu den Obergeschossen und die Küche. Im 1. OG lag neben 2 Zimmern der blaue Saal, in dem sich über viele Jahrzehnte das gesellschaftliche und kulturelle Leben von Tegernau und teilweise des Kleinen Wiesentales abspielte. Unzählige Theaterstücke, Aufführungen und Vorträge jeglicher Art, Versammlungen von ortsansässigen und überörtlichen Vereinen und Organisationen, politische und parteipolitische Versammlungen wurden in diesem Saal abgehalten. Im Dezember 1920 kaufte der Obersäger Kallfaß aus Schönmünz in Württemberg, Bürger von Tegernau, das Gasthaus „zur Krone" ohne die o. g. Nebengebäude. Seine Ehefrau Berta Luise, geb. Tanner hatte Friedrich Kallfaß in Hasel kennen und lieben gelernt, als ab 1880 seine beiden Brüder Georg und Wilhelm Kallfaß die Hasler Sägerei betrieben und er später in den Sägereibetrieb eintrat. Mit Datum vom 1. März 1921 eröffneten die Eheleute Friedrich und Berta Kallfaß ihr erworbenes Gasthaus „zur Krone" mit einem Fremdenzimmer (Doppelzimmer) im 2. Stock.

Die damals schweren wirtschaftlichen Zeiten der Nachkriegsjahre waren für das Wirtsgewerbe nicht förderlich. Erst Mitte der 20er Jahren kam es zu einem gewissen Aufschwung, der aber schon wieder durch die Weltwirtschaftskrise am 25. Oktober 1929 zunichte gemacht wurde. Der Bierumsatz fiel über Jahre auf die Hälfte (z.B. 1928/29 = 100 hl, 1934/35 = 52 hl). Die „Krone" mit ihren Wirtsleuten Kallfaß blieb ab dieser Zeit eine normale, den Tegernauer Dorfbewohnern beliebte Einkehrwirtschaft. Der Musikverein Tegernau hatte z.B. sein Probelokal im Saal der „Krone" und seinen Ausklang in der Gaststätte.

Das Gasthaus „zum Ochsen", welches in Tegernau seit 1782 existierte und ab dem Jahre 1910 den Standort im Dorf in ein neu erbautes Haus mit großem Saal an der frequentierten Durchgangsstraße wechselte, wurde kontinuierlich die bessere Adresse; vor allem deshalb, da dort die örtlichen Veranstaltungen und Feste etc. in dem bedeutend größeren ebenerdigen Saal abgehalten werden konnten.

Als Friedrich Kallfaß am 26. Januar 1962 verstarb, führte die Witwe Berta mit ihrer ledigen Tochter Luise Kallfaß den Betrieb weiter, wobei der größte Teil des täglichen Arbeitsanfalles Luise zufiel. Nach dem Tod von Berta Kallfaß im Jahre 1975 beantragte Luise Kallfaß für sich eine Gaststättenkonzession. Doch nun ergaben sich behördlicherseits Schwierigkeiten. In das Gasthaus, welches der Erbengemeinschaft Kallfaß gehörte, waren seit den Jahren 1921 keine größeren Investitionen gemacht worden. Die einfach eingerichtete Küche konnte nur noch als Privatküche und zur Abgabe einfach zubereiteter Speisen genutzt werden. Auch die veraltete Toilettenanlage ohne Wasserspülung entsprach nicht mehr den gaststättenrechtlichen Hygieneanforderungen. Für Luise Kallfaß war eine eigene Konzessionserlaubnis jedoch eine Existenzfrage, da sie nur eine äußerst geringe Rente bezog und auf den täglichen Erlös des Gastbetriebes angewiesen war. Die Gemeinde Tegernau versuchte für Luise Kallfaß eine positive Lösung zu finden, indem sie ihr eine ordentliche und gewissenhafte Führung des Gaststättenbetriebes attestierte und gleichzeitig dem Landratsamt Lörrach als Konzessionsbehörde ihr starkes Interesse an einer 2. Gaststätte in Tegernau neben dem „Ochsen" bekundete. Am 2. Oktober 1975 erhielt Luise Kallfaß eine persönliche Gaststättenerlaubnis trotz gewisser Bedenken des Landratsamtes Lörrach. Sie führte die „Krone" trotz ihres zunehmenden Alters mit Hingabe und Pflichterfüllung. Das liebenswerte „Luisli" verkörperte in ihrer Einfach- und Schlichtheit, jedoch mit Klugheit und Mutterwitz gesegnet, den alten Schlag des „Markgräfler Gastgebers", dem es nicht in erster Linie um Ertrag, sondern um das Wohl und die Zufriedenheit des Gastes ging.


Luise Kallfaß, genannt "d'Luis"   Bild:Theo Kölbl

Schon einige Jahre vor dem Tod von Luise Kallfaß (1997) machten sich einige Gäste und Freunde der alten Wirtschaftskultur Gedanken, wie das Haus mit seiner einzigartigen Ausstrahlung in Zukunft erhalten werden könnte. Das Gasthaus mit seiner alten unveränderten Bausubstanz und unvergleichbarem Interieur sollte unbedingt weiter bestehen.
 

 

Das „Gasthaus zur Krone" auf historischen Fotos und Postkarten

 

Original-Text von Michael Fautz veröffentlicht in "Das Markgräflerland", Band 2014

 

zurück  

                                                                                         nach oben