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Presse - Aktuell

 

BZ - Bericht vom  17. Mai 2019

 

 

Hansjörg Noe hat ein Buch über die NS-Vergangenheit des Kleinen Wiesentals geschrieben

 Hansjörg Noe hat die Archive über die NS-Vergangenheit des Kleinen Wiesentals durchforstet.
 Am 16. Mai wurde sein Buch in Tegernau vorgestellt.

In Wies befand sich ab Juli 1935 ein R...ilitärischen Ausbildung (unten links).  | Foto: Hansjörg Noe
In Wies befand sich ab Juli 1935 ein Reicharbeitsdienstlager zur militärischen Ausbildung (unten links).    Foto: Hansjörg Noe

Hansjörg Noe  | Foto: Sarah Trinler
Hansjörg Noe.    Foto: Sarah Trinler

 Siegel mit Hakenkreuz von einer Urkunde aus dem Ortsarchiv in Tegernau  | Foto: Hansjörg Noe
Siegel mit Hakenkreuz von einer Urkunde aus dem Ortsarchiv in Tegernau.   Foto: Hansjörg Noe

 Einige Hürden hatte der Lörracher Lokalhistoriker Hansjörg Noe zu überwinden bei den Recherchen für sein neues Buch, das sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus im Kleinen Wiesental beschäftigt. In akribischer Kleinarbeit hat er die große Flächengemeinde mit den acht Ortsteilen durchforstet und ist auf Interessantes, auch bislang Unbekanntes gestoßen. Am 16. Mai wird das Buch offiziell in Tegernau vorgestellt.

Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 hatten die Bürger des Kleinen Wiesentals mit 88,9 Prozent die NSDAP gewählt. Das Ergebnis sei doppelt so hoch als im Amt Schopfheim oder reichsweit (43,9 Prozent), sagt Hansjörg Noe. Eine solche Zahl weckt natürlich das Interesse des früheren Geschichtslehrers, der in der Region bereits die NS-Geschichte von Lörrach, Steinen und Maulburg erforscht und veröffentlicht hat. Der Anstoß zur Recherche im Kleinen Wiesental kam allerdings von Hans Viardot vom Verein "Krone und Kultur Kleines Wiesental", nachdem Noe in der Tegernauer Krone einige Vorträge über das dritte Reich gehalten hatte.

21 Zeitzeugen beteiligten sich

"Die Aufarbeitung und Verortung der Geschichte ist spannend, interessant – und wichtig", sagt Noe. Es sei nicht seine Absicht, die "Scheußlichkeiten" der NS-Zeit aufzuzählen, sondern das Lebensbild der damaligen Bevölkerung, was sie gefühlt und erlebt haben, aufzuzeigen. Doch sei er auch im Kleinen Wiesental auf einige Widerstände gestoßen: "Es gibt immer Menschen, die sagen: Lasst das, das ist doch vorbei", so Noe. Auf einen Aufruf im Mitteilungsblatt, ob jemand etwas zu seinen Recherchen beisteuern könnte, habe sich niemand gemeldet. Für den 77-Jährigen war dies eher ein Grund, dranzubleiben, statt aufzugeben.

Über Mundpropaganda hat er dann doch Kontakt zu 21 Zeitzeugen bekommen, die "sehr zugänglich" waren und in intensiven Einzelgesprächen Eindrückliches schilderten. Noe bekommt einen nachdenklichen Blick, wenn er von den Gesprächspartnern – mehrheitlich Frauen – erzählt. Sie waren eine von drei Hauptquellen für seine Recherchen. Einige haben vom Reichsarbeitsdienstlager in Wies berichtet, das ab Juli 1935 in Betrieb war und in Noes Buch ein eigenes Kapitel bekommen hat. Andere erinnerten sich an die Aufmärsche, die vielen Fahnen des NS-Regimes im Dorf oder das Hitlerfest, das einem strengen Ritual unterlegen war. "Und anschließend ging es in die Kirche", sagt Noe, "die haben also noch mitgemacht".

Zwangsversetzt nach Wies

Auch mit der Schwiegertochter des evangelischen Pfarrers Ludwig Simon aus Wies hat Noe gesprochen. Simon galt als widerständige Person. 1934 war er nach Wies zwangsversetzt worden, nachdem er am Tage der Kanzlerwahl Adolf Hitlers in Gegenwart von Soldaten und Gefangenen eine äußerst kritische Predigt gehalten hatte. Doch auch im Kleinen Wiesental hielt Simon mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Er wurde von der Gestapo überwacht, bis er 1938 eingezogen wurde. Später kehrte Simon nach Wies zurück und wirkte wieder als Dorfpfarrer, auch arbeitete er in Schopfheim als Religionslehrer.

Die zweite große Quelle für Noes Recherchen waren die Zeitungsarchive von 1925 bis 1944. "Wer damals lesen, schreiben und hören konnte, hat alles gewusst", sagt Noe. So seien auch Themen wie die Judenverfolgung in den Zeitungen behandelt worden. Mit Interesse habe er auch die Vermissten- und Todesanzeigen studiert. Wenn etwa ein gefallener Soldat in Russland bestattet worden war, wurde "in kalter Erde" dazu geschrieben.

Viel Zeit in Archiven verbracht

Die dritte Quelle stellten die Archive dar – bei einer Einheitsgemeinde, bestehend aus vormals acht eigenständigen Gemeinden, keine leichte Aufgabe. Die Archive sind teils in Tegernau, teils noch in den Ortsverwaltungen gelagert. Er habe einige Kilometer im Kleinen Wiesental zurückgelegt, sagt Noe schmunzelnd. Noch viel größer als die Zahl der zurückgelegten Kilometer sei allerdings die investierte Zeit: Zwei Jahre hat Noe an dem Buch gearbeitet, manchmal war er den ganzen Tag mit der Geschichte des Kleinen Wiesentals beschäftigt. "Wenn ich so etwas mache, dann bin ich sehr fixiert, kann etwa nicht einfach mal zwischendurch etwas anderes machen."

Hinzu kamen Recherchen im Landesarchiv Freiburg, Generalarchiv und Landesarchiv Karlsruhe, in den Stadtarchiven Lörrach, Schopfheim und Weil am Rhein sowie im Bundesamt Potsdam. Letzteres hat Noe nicht selbst besucht, sondern sich Kopien schicken lassen. Die Unterstützung aus den Archiven sei groß gewesen.

Ideelle Unterstützer vor Ort waren Hans Viardot und Bürgermeister Gerd Schönbett. Das Buch wird übrigens nicht – wie bei Lörrach, Steinen und Maulburg – von der Gemeinde herausgegeben, sondern vom Geschichtsverein Markgräflerland, der sich gleich dazu bereiterklärt habe. Finanzielle Unterstützung gab’s vom Landkreis Lörrach.

Nachdenkliche Wortwahl

Der Titel lautet "Mitgelaufen – NS-Geschichte der Ortschaften im Kleinen Wiesental". Der Begriff Mitgelaufen bezieht sich auf die Entnazifizierungszeit, in der die Alliierten die Deutschen zur Beurteilung ihrer Verantwortlichkeit in Kategorien wie Hauptschuldige und Mitläufer eingeteilt hatten.

"Ich gehe nachdenklich mit meiner Wortwahl um", betont Noe, der immer wieder auch kritische Stimmen für seine Bücher einstecken muss. Er möchte Menschen nicht be- oder verurteilen. Doch zur Geschichte gehöre eben auch die unbequeme Vergangenheit.

 

 

BZ-Bericht: Sarah Trinler
 

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