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Die Chronik der sonntäglichen "Krone - Frühschoppen"

 

 

 

Ein Dank für die Gastfreundschaft

BZ-INTERVIEW mit Berthold Hünenberger, der nicht nur Jakobsweg-Pilger ist,
sondern auch regelmäßig in einer der Herbergen hilft.


Ziel aller Jakobswege: Santiago de Compostela in Spanien.  Foto: M. Schulte-Kellinghaus


Die Anziehungskraft der klassischen Jakobswege ist ungebrochen.
Dirk Sattelberger sprach mit Berthold Hünenberger über seine Motive und Erfahrungen.
Foto. Heiner Fabry

BZ: Herr Hünenberger, was verbindet Sie mit dem Jakobsweg?
Hünenberger: Ich hatte schon immer eine starke Affinität zu Spanien, nachdem ich nach dem Abitur einmal in dem Land war und dort eine Weile kleben blieb. Später, auf einer Autoreise im Jahr 1995, sind meine Frau und ich im Norden Spaniens gewesen, den ich noch nicht kannte, und kurz darauf auf den Jakobsweg gestoßen. Im Jahr 1998 haben wir die Etappen bis Santiago de Compostela zu Fuß geschafft, das sind ungefähr 750 Kilometer. 2001 und 2002 haben wir das wiederholt. Das waren aber keine religiösen Gründe bei mir.

BZ: Viele Menschen, die auf dem Jakobsweg waren, sprechen von spirituellen Erfahrungen.
Hünenberger: Ich habe auch meine spirituellen Erfahrungen gemacht, für die ich sehr dankbar bin. Sie können dort gar nicht ausbleiben. Aber sie waren kein Motiv für mich, dorthin zu gehen.

BZ: Wie wurden Sie vom Pilger zu Hospitaleros, also zu Herbergseltern in der Nähe von Pamplona?
Hünenberger: 2001 haben meine Frau und ich in der Herberge Cizur Menor übernachtet. Dort kamen wir ins Gespräch mit einem Mann vom Malteserorden, der für die Herberge zuständig ist. Nachdem er gehört hatte, dass ich mich in der Geschichte des Landes auskenne und fließend Spanisch spreche, hat er uns gefragt, ob wir als Hospitaleros mitarbeiten wollen.

BZ: Wie war ihre Reaktion?
Hünenberger: Ich sagte ihm, dass wir das gerne machen würden. Nach der Vollendung des Jakobsweges haben wir dann 2013 eine Bewerbung an den Malteserorden geschickt. Seitdem haben wir jeden Sommer für je zwei Wochen dort gearbeitet.

BZ: Wie sieht ein typischer Tag für Hospitaleros im Cicur Menor aus?
Hünenberger: Um 5.15 Uhr klingelt der Wecker, dann wird eine Riesenmenge Tee gekocht und Frühstück gerichtet. Um 6 Uhr kommen die ersten Pilger, weil es dort aber sehr eng zugeht, können nur sieben auf einmal Platz nehmen. Im Cicur Menor gibt es 27 Betten plus ein Matratzenlager in der Kirche gegenüber für etwa 30 Menschen. Um 8 Uhr müssen alle die Herberge verlassen haben, bis auf die Kranken. Dann fahre ich mit dem Geld, das die Pilger gespendet haben, zum Einkaufen.

BZ: Ist die Übernachtung in der Herberge kostenlos?
Hünenberger: Die Übernachtung kostet 5 Euro pro Person. Für das Essen und die freie Bedienung im Kühlschrank geben die Leute eine Spende. Je großzügiger sie ausfällt, desto besser kann ich einkaufen.

BZ: Wie geht es in der Herberge weiter?
Hünenberger: Ab 12 Uhr werden die ersten neuen Pilger aufgenommen und eingewiesen. Das geht so bis zum Abend. Um neun Uhr schnappe ich mir dann meine Gitarre und gehe mit Pilgern in die Kirche und mache ein Songfestival. Ich versuche, sie dazu zu bringen, ein Lied in ihrer Sprache vorzustellen. Das kann sehr lustig werden, wenn man dann ein finnisches oder koreanisches Volkslied hört. Um 22 Uhr ist dann Bettruhe.

BZ: Müssen Sie auch in Stockbetten im Mehrbettzimmer schlafen?
Hünenberger: Nein, meine Frau und ich schlafen auf Feldbetten im Büro der Herberge.

BZ: Das klingt sehr entbehrungsreich. Wieso machen Sie das?
Hünenberger: Erstens hat Spanien eine interessante Geschichte und ich kann meine Sprachkenntnisse in Französisch, Spanisch und Katalanisch verfeinern. Zweitens haben wir auf unseren Pilgerschaften immer sehr viel Gastfreundschaft erfahren, und das möchten wir jetzt zurückgeben. Dann ist da noch die Begegnung mit Tausenden Menschen. Wir sind da vielfach gefordert, vom Blasendoktor bis zum Psychologen.

BZ: Und abends ersetzen Sie mit Ihrer Gitarre das Fernsehprogramm und sorgen für Kultur…
Hünenberger: Genau (lacht).

BZ: Müssen Sie auch Konflikte unter den Pilgern schlichten?
Hünenberger: Konflikte gibt es äußerst selten. Nachmittags und abends kommt bei den Gästen immer wieder ein Gemeinschaftsgefühl auf, auch wenn die Menschen sehr unterschiedlich sind. Das eine oder andere Mal sieht man abends Menschen mit Tränen in den Augen vor Rührung. Das ist außergewöhnlich.

BZ: Welchen Rat geben Sie jemand, der sich zum ersten Mal aufmachen will?
Hünenberger: Viele Pilger haben ein viel zu schweres Gepäck auf dem Rücken. Manche Frauen über 60 kommen mit 13 oder 14 Kilo Gepäck. Das ist zu viel! Meine Frau Brigitte hat ein gutes Händchen dafür, ihnen das auszureden. 8 Kilogramm sind ideal. Jeder, der über eine gute Physis verfügt, kann den Weg gehen. Für mich ist die beste Reisezeit von Mai bis Mitte Juni – ab September/Oktober ist die Landschaft braun und steppenhaft. Gutes Schuhwerk ist wichtig, und ein Reiseführer sollte auch nicht fehlen.

Bericht. BZ/Dirk Sattelberger

 

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