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Die Chronik der sonntäglichen "Krone - Frühschoppen"

 

 

 

Hebel wollte seine Leser nicht belehren

Verteidigung des Maulwurfs / Hebel als Theologe trat
für ein versöhnliches Verhältnis zu den Juden ein.

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Wernfried Hübschmann, Markus Manfred Jung und Hans Viardot in der „Krone“
(von links). 
Foto: Heiner Fabry / MT

Beim „Krone“-Frühschoppen eröffneten Wernfried Hübschmann und Markus Manfred Jung einen tieferen und aufschlussreichen Blick in Art und Absicht, mit denen Johann Peter Hebel seine Kalendergeschichten verfasste.

Wernfried Hübschmann bezog sich zu Beginn seiner Erörterungen auf ein bekanntes Porträt des Dichters, Theologen und Pädagogen Hebel, das ihn mit erhobenem Zeigefinger zeigt. „Aber das ist kein oberlehrerhaft ausgestreckter Zeigefinger, sondern der Finger ist leicht gebeugt“, machte Hübschmann aufmerksam. „Hebel wollte seine Leser nicht einfach belehren. Er wollte informieren, neue Erkenntnisse vermitteln und – vor allem – die Leser motivieren, sich eine eigene Meinung zu bilden.“ Dabei nutzte Hebel durchaus ungewöhnliche literarische Mittel, um seine Botschaft zu vermitteln.

In der Geschichte „Der Maulwurf“ beginnt Hebel mit der Feststellung der landläufigen Meinung, der Maulwurf sei ein Schädling, der die Gärten durchwühle und Wurzeln und Triebe der Pflanzen abfresse. Danach lässt er wie in einem Prozess das Plädoyer der Verteidigung folgen.

Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse hätten gezeigt, dass sich im Magen des Maulwurfs keine pflanzlichen Reste finden, sondern Reste von Engerlingen und Würmern.

Verteidigung des Maulwurfs

Also lautet das Fazit der Verteidigung: „Der Maulwurf ist kein Schädling, sondern nutzt dem Gärtner und dem Landwirt, denn er vertilgt die Schädlinge.“ Die Folgerung überlässt Hebel aber dem Leser. Er erzählt lediglich Fakten, ohne Moral oder Belehrung. Die darf der Leser sich selbst erarbeiten.

Markus Manfred Jung stellte die Geschichte „Glimpf geht über Schimpf“ vor. Sie erzählt von einem reisenden Hebräer, der regelmäßig von Kindern mit Schimpf- und Spottversen wie „Jud! Jud! Judenmauschel! Schaulem leckem!“ traktiert wird. Eines Tages beginnt er, die Kinder nach dem Schimpfvers mit kleinen Münzen zu beschenken. „Die Kinder freuten sich und fingen fast an, den gutherzigen Juden lieb zu gewinnen“, heißt es bei Hebel. Aber dann sagt der Hebräer: „Euer sind einfach zu viele“, denn sein Geld reicht nicht mehr. Da antworten die Kinder: „Wenn ihr uns nichts mehr gebt, dann sagen wir auch nicht mehr ‚Judenmauschel.“ Und von der Stund’ an ließen sie ihn ruhig durch das Dorf gehen.

Markus Manfred Jung führte aus, dass Hebel als Theologe für ein versöhnliches Verhältnis zu den Juden eintrat und dies auch seinen Lesern vermitteln wollte. Er machte indes auf eine weitere Dimension der Geschichte aufmerksam. Die Kinder rufen „Schaulem leckem!“, die verballhornte Form von „Shalom aleichem“ einem jüdischen Segensgruß („Der Frieden sei mit dir“). Die Antwort des Grußes lautet „Friede mit dir“, was in der Botschaft mündet „Friede für uns alle“. Was als Schimpf gemeint war, wandelt sich so in eine Botschaft der Versöhnung. Auch hier gebe es keine langatmige Erklärung oder Belehrung. Hebel erzählt eine Geschichte und überlässt es seinen Lesern, ihre eigene Lehre aus der Geschichte zu ziehen.

Zum Ende der Vorträge sprach Hans Viardot wohl vielen der Zuhörer aus dem Herzen. „Hebels Kalendergeschichten begleiten mich ein Leben lang. Aber heute habe ich noch einiges dazugelernt.“

 

Original-Bericht: MT / Heiner Fabry

 

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